Migräne ist weit mehr als „nur Kopfschmerz“. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen:
Migräne entsteht häufig durch eine Übererregung des Gehirns, einen gestörten Energiestoffwechsel und entzündliche Prozesse – und all das wird stark von unserer Ernährung beeinflusst.
In diesem Artikel erfährst du:
- warum bestimmte Lebensmittel Migräne triggern,
- welche Rolle Glutamat dabei spielt,
- warum Nährstoffmängel Migräne verstärken können
- und wie eine gehirnfreundliche Ernährung Migräneanfälle reduzieren kann.
Migräne – ein überreiztes Gehirn
Moderne Studien beschreiben Migräne als einen Zustand, in dem Nervenzellen zu leicht erregbar sind. Das Gehirn reagiert dann empfindlicher auf Reize wie Licht, Stress, Hormonschwankungen – oder eben auch auf Nahrung.
Ein zentraler Botenstoff dabei ist Glutamat.
Glutamat: Wenn das Nervensystem zu stark Gas gibt
Glutamat ist der wichtigste aktivierende Botenstoff im Gehirn. Er ist unverzichtbar für Lernen, Denken und Wahrnehmung.
Problematisch wird es jedoch, wenn zu viel Glutamat vorhanden ist.
Bei Migränebetroffenen findet man:
- erhöhte Glutamatspiegel im Blut und im Gehirn
- sowohl während eines Anfalls als auch zwischen den Attacken
Zu viel Glutamat führt zu:
- Übererregung der Nervenzellen
- Entzündungsreaktionen im Gehirn
- oxidativem Stress
- Gefäßerweiterung und Schmerzsignalverstärkung
Diese Kombination kann Migräne auslösen oder aufrechterhalten.
Glutamat kommt auch aus der Nahrung
Glutamat entsteht nicht nur im Körper, sondern kommt auch über die Ernährung ins System – vor allem durch:
- Geschmacksverstärker (z. B. MSG)
- stark verarbeitete Lebensmittel
- gereifte und fermentierte Produkte (z. B. gereifter Käse, Würzsaucen)
- Alkohol, besonders Rotwein
Studien zeigen, dass genau diese Lebensmittel zu den häufigsten Migränetriggern gehören.
Normalerweise schützt uns die Blut-Hirn-Schranke davor, dass zu viel Glutamat ins Gehirn gelangt. Bei Migräne ist diese Schutzbarriere jedoch oft durchlässiger – wodurch Ernährung einen noch größeren Einfluss bekommt.
Nährstoffmängel: Wenn dem Gehirn die Bremse fehlt
Mehrere große Übersichtsarbeiten zeigen:
Menschen mit Migräne haben überdurchschnittlich häufig Mängel an bestimmten Mikronährstoffen.
Besonders relevant sind:
Magnesium
- wirkt als natürliche „Bremse“ für Glutamat-Rezeptoren
- beruhigt übererregte Nervenzellen
- ein Magnesiummangel erhöht das Migränerisiko deutlich
Vitamin B2 (Riboflavin)
- unterstützt die Energieproduktion der Nervenzellen
- fördert die Umwandlung von Glutamat in den beruhigenden Botenstoff GABA
B-Vitamine (B6, B9, B12)
- senken Homocystein, eine Substanz, die Nervenzellen zusätzlich reizt
Omega-3-Fettsäuren
- wirken entzündungshemmend
- unterstützen den Abbau überschüssigen Glutamats
Coenzym Q10
- stabilisiert die Energieversorgung der Gehirnzellen
- reduziert oxidativen Stress
Diese Nährstoffe wirken nicht isoliert, sondern synergetisch: Gemeinsam helfen sie dem Gehirn, Reize besser zu regulieren.
Die unterschätzte Rolle der Energieversorgung
Eine besonders spannende neue Studie zeigt:
Nicht nur was wir essen, sondern auch wie sich unsere Makronährstoffe zusammensetzen, beeinflusst Migräne.
Die Ergebnisse:
- Menschen mit höherem Kohlenhydratanteil hatten weniger Migränetage
- Ein hoher Fettanteil war mit häufigeren Migräneanfällen verbunden
- Entscheidend war das Verhältnis von Fett zu Kohlenhydraten
Warum ist das so?
Migräne als Energiekrise des Gehirns
Das Gehirn ist extrem energiehungrig – und nutzt bevorzugt Glukose als Brennstoff.
Wenn dem Gehirn nicht genug schnell verfügbare Energie zur Verfügung steht, steigt die Reizbarkeit der Nervenzellen.
Mögliche Auslöser:
- lange Essenspausen
- unregelmäßige Mahlzeiten
- sehr kohlenhydratarme Ernährung (ohne echte Ketose)
In diesen Situationen kann Migräne als eine Art Warnsignal auftreten:
Das Gehirn fordert mehr Energie.
Warum Low Carb nicht für jede Migräne geeignet ist
Manche Menschen berichten zwar von Verbesserungen durch ketogene Ernährung – doch das funktioniert nur, wenn der Körper konsequent auf Ketonkörper umgestellt ist.
Im Alltag passiert jedoch oft Folgendes:
- Kohlenhydrate werden reduziert
- Fett wird erhöht
- ohne stabile Ketose
Das Ergebnis kann sein, dass ein Energiemangel im Gehirn entsteht und damit eine erhöhte Migräneanfälligkeit einhergehen kann. Deshalb sind pauschale Low-Carb-Empfehlungen bei Migräne problematisch.
Was bedeutet das alles für die Praxis?
Die aktuelle Studienlage legt nahe:
Migränefreundliche Ernährung bedeutet nicht Verzicht um jeden Preis, sondern Balance.
Wichtige Grundprinzipien:
- regelmäßige Mahlzeiten
- ausreichende Energiezufuhr für das Gehirn
- Reduktion stark verarbeiteter, glutamatreicher Lebensmittel
- gezielte Versorgung mit magnesium-, vitamin- und omega-3-reichen Lebensmitteln
Migräne ist individuell – und Ernährung sollte es auch sein.
Fazit
Migräne ist keine reine Kopfschmerzerkrankung, sondern eine Störung der neuronalen Reizverarbeitung und Energieversorgung.
Ernährung beeinflusst Migräne, weil sie bestimmt,
- wie viel Glutamat ins System gelangt,
- wie gut Nervenzellen geschützt sind,
- und ob das Gehirn ausreichend Energie zur Verfügung hat.
Eine gehirnfreundliche Ernährung kann Migräne nicht immer verhindern – aber sie kann Häufigkeit, Intensität und Dauer deutlich reduzieren.
Literatur
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